Wenn Planung und Alltagsrealität auseinandergehen
Als verkehrsberuhigte Zone ist die Kleingemünder Straße offiziell den einfahrtsberechtigten Anwohnern sowie Kunden der örtlichen Geschäfte vorbehalten. In der Realität wird die Straße allerdings zunehmend als Durchgangsroute Richtung Schlierbach oder Neckargemünd genutzt, und viele Fahrzeuge- inclusive Fahrradfahrer- sind deutlich zu schnell. Seit 2020 ist sie deswegen immer wieder hinsichtlich Neustrukturierung im Gespräch.
Die Stadt Heidelberg reagierte im April diesen Jahres und führte entsprechende Umgestaltungsmaßnahmen in Höhe von ca. 200.000,- Euro durch.
Mit Pflanzenbeeten, Bäumen und Fahrradständern sollte der Verkehr entschleunigt und die Qualität der Straße gesteigert werden. Doch statt Begeisterung herrscht Ernüchterung. Viele Bürger empfinden die Umgestaltung als unpraktisch und unübersichtlich.
Erscheinungsbild der Begrünungselemente:
Besonders die als „psychologische Verengung“ gedachten Blumenbeete sorgen für Ärger: Sie sollen den Verkehr beruhigen, wirken aber für viele eher wie Behinderungen, die man wie auf einer Slalomstrecke umfahren muss. Besonders problematisch: einige Autofahrer erkennen die zu niedrigen Metallbegrenzungen der Beete nicht rechtzeitig-vor allem bei Dunkelheit. Die Folge ist, dass Fahrzeuge aufgrund der eingeschränkten Sicht immer wieder in die Beete reinfahren und diese dabei beschädigt werden.
Fußgänger haben in einer verkehrsberuhigten Straße Vorrang:
Auch wenn es in einer verkehrsberuhigten Straße rein rechtlich keinen offiziellen Gehweg gibt, läuft dennoch die Mehrheit der Fußgänger auf dem farblich abgesetzten Seitenbereich entlang der Häuser, der das Erscheinungsbild eines Gehwegs hat. Die Pflanzenbeete wirken in ihrer Anordnung für viele nicht nur unharmonisch, sondern schränken auch den ohnehin begrenzten Raum für Fußgänger ein, die jetzt teilweise mitten auf der Straße laufen müssen.
Verschlechterte Verkehrs- und Parkplatzsituation:
Im Zuge der Umgestaltung sind sieben öffentliche Parkplätze weggefallen. Durch die Begrünungsmaßnahmen sind die Möglichkeiten des Ein- und Ausladens erheblich eingeschränkt- sehr zum Missfallen der Gewerbetreibenden in dieser Straße, die dadurch eine Veränderung des Einkaufsverhaltens befürchten. Des Weiteren scheint durch die Einengung des Straßenraums die Durchfahrt für Lieferwagen, Busse und Rettungsdienste schwieriger. Ebenso ist die Verlegung des Behindertenparkplatzes gegenüber der Hausarztpraxis auf den Gscheidle-Parkplatz für viele nicht nachvollziehbar. Allerdings soll nach neuesten Angaben der Stadt Heidelberg dieser Parkplatz zeitnah an seinen früheren Standort gegenüber der Hausarztpraxis am Brunnen zurückverlegt werden.
Fahrradständer sorgen für Diskussion:
Auch die neuen elf Fahrradanlehnbügel wirken irritierend- statt einer parallelen Anordnung zur Häuserfront ragen sie horizontal in die Straße und engen den Verkehrsraum ein. Manche abgestellten Fahrräder stehen so grenzwertig eng an der Fahrbahn wie beispielsweise vor der Post, dass die Ein- und Ausfahrt an der Auffahrt zum Kuchenblech- vor allem für größere Fahrzeuge -erschwert ist. Auch Fußgänger monieren, dass sie an manchen Fahrradständern in der Straße nicht vorbeikommen und demnach auf die Mitte ausweichen müssen.
Aufenthaltsqualität:
Im Rahmen des Stadtentwicklungsplans waren- insbesondere an den Straßeneingängen- zusätzlich Sitzmöglichkeiten vorgesehen, um das soziale Miteinander zu fördern und die Aufenthaltsqualität zu steigern. Diese Elemente, die den öffentlichen Raum einladender und auch nutzbarer machen würden, wurden jedoch bislang nicht umgesetzt. Sitzgelegenheiten würden unter Umständen sogar die Wirkung einer verkehrsberuhigten Zone verstärken.
Bürgerdialog fördern:
Was tun ? Viele Menschen im Stadtteil würden es begrüßen, wenn die Stadt Heidelberg die Maßnahmen überprüft und im Dialog mit den Einwohnern deren Erfahrungen aus der Praxis mit einbezieht. Ziel wäre es, gemeinsam zu überlegen, wo Optimierungsbedarf besteht und wie eine bessere Gestaltung für alle Beteiligten gelingen könnte.
Geeignete Maßnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung in der Kleingemünder Straße sind bestimmt sinnvoll und notwendig. Verkehrsberuhigung funktioniert wahrscheinlich am besten, wenn sie für alle Verkehrsteilnehmenden alltagstauglich ist. Die Stadt Heidelberg hatte mit ihrer Idee zur Umgestaltung dieser verkehrsberuhigten Zone nachvollziehbare Gründe und gute Absichten, doch die Diskrepanz zwischen Planung und Realität ist in Bezug auf diese Straße für viele im Ort spürbar. Die Gestaltung sowie die Verkehrsführung scheinen an den Bedürfnissen einiger Ziegelhäuser Einwohner vorbeizugehen. Für viele ist ein Straßenbild entstanden, das nicht beruhigt, sondern eher irritiert.




